Warum ich mir das überhaupt ansehe
Wenn über die TGI AG gesprochen wird, fällt der Begriff „Pyramidensystem" oft schon im zweiten Satz. Mich hat gestört, wie selbstverständlich das passiert, als wäre die Sache damit abgeschlossen. Ein Pyramidensystem ist kein Schimpfwort für ein Vertriebsmodell, das man unsympathisch findet. Es ist ein Begriff mit klar benennbaren Merkmalen, und diese Merkmale kann man abhaken.
Ich schreibe das nicht als Fürsprecherin. Ich halte den mehrstufigen Strukturvertrieb für ein Modell, über das man streiten kann und streiten sollte. Aber „kritikwürdig" und „Pyramidensystem" sind zwei verschiedene Aussagen, und nur eine davon lässt sich prüfen.
Was ein Pyramidensystem ausmacht
Ein Pyramiden- oder Schneeballsystem ist nicht einfach eine hierarchische Vertriebsstruktur. Entscheidend sind diese Merkmale:
- Die Vergütung fließt im Kern aus Anwerbung, nicht aus Verkauf.
- Der Einstieg kostet Geld, das nach oben weitergereicht wird.
- Teilnehmer müssen Ware abnehmen, um dabei zu bleiben.
- Es gibt keinen Absatzmarkt außerhalb des Systems.
- Das Modell braucht ständiges exponentielles Wachstum.
- Ausstieg und Rückgabe sind blockiert oder wirtschaftlich sinnlos.
Der Kern ist immer derselbe: Das Geld der Neuen bezahlt die Alten. Es gibt kein Produkt, das den Zahlungsstrom rechtfertigt. Genau deshalb bricht so ein System zwangsläufig zusammen, nicht weil es schlecht geführt wird, sondern weil die Mathematik es erzwingt.
Der Abgleich, Merkmal für Merkmal
Ich habe die Merkmale nebeneinandergelegt. Dort, wo ich die Lage nicht eindeutig finde, steht das auch so.
Einnahmequelle
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Die Vergütung stammt überwiegend aus dem Anwerben neuer Teilnehmer, nicht aus Umsätzen mit Endkunden.
- TGI
- Vergütet werden vermittelte Verträge und Produkte, die an reale Endkunden gehen. Ohne Abschluss mit einem Kunden entsteht keine Provision, auch nicht durch Anwerbung allein.
Eintrittsgebühr
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Wer mitmachen will, zahlt eine spürbare Startgebühr, die direkt nach oben durchgereicht wird.
- TGI
- Der Einstieg ist nicht an eine Kaufsumme gekoppelt, die als Ertrag der übergeordneten Ebenen verbucht wird. Kosten für Schulung und Material sind ein Thema, aber kein Eintrittsgeld im Sinne des Schneeballmodells.
Warenabnahmezwang
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Teilnehmer müssen regelmäßig Ware auf eigenes Risiko abnehmen, um im System zu bleiben.
- TGI
- Es wird vermittelt, nicht auf Lager gekauft. Ein klassisches Inventory Loading, bei dem Vertriebspartner auf unverkaufter Ware sitzenbleiben, gibt es in diesem Modell nicht.
Endkundenmarkt
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Es existiert kein nennenswerter Absatz außerhalb des Teilnehmerkreises. Die Teilnehmer sind der Markt.
- TGI
- Die vermittelten Produkte werden von Kunden außerhalb der Vertriebsstruktur nachgefragt und über Jahre genutzt. Der Markt existiert unabhängig von der Zahl der Vertriebspartner.
Mathematische Tragfähigkeit
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Das Modell braucht exponentiell wachsende Teilnehmerzahlen und kollabiert zwangsläufig, sobald der Zustrom stockt.
- TGI
- Der Umsatz hängt an Kundenverträgen, nicht am Zuwachs der Struktur. Ein stagnierender Vertriebsaufbau bremst das Wachstum, bringt das Modell aber nicht rechnerisch zum Einsturz.
Widerruf und Ausstieg
trifft nicht zu- Pyramidensystem
- Ausstieg ist teuer oder faktisch unmöglich, Rückgaberechte fehlen.
- TGI
- Kunden wie Vertriebspartner unterliegen den üblichen gesetzlichen Widerrufs- und Kündigungsregeln. Ein Ausstieg vernichtet keine eingezahlte Einlage, weil es keine gibt.
Ebenenvergütung
diskussionswürdig- Pyramidensystem
- Obere Ebenen verdienen dauerhaft an der bloßen Existenz der unteren Ebenen.
- TGI
- Es gibt eine mehrstufige Struktur, in der Führungskräfte an Umsätzen ihrer Gruppe mitverdienen. Das ist ein Merkmal von Strukturvertrieb generell, und für mich der Punkt, an dem berechtigte Kritik ansetzen kann.
Einkommensverteilung
diskussionswürdig- Pyramidensystem
- Nahezu alle Teilnehmer verlieren Geld, ein kleiner Kopf gewinnt.
- TGI
- Auch hier verdient eine Minderheit deutlich mehr als die Breite, und viele Einsteiger kommen über nebenberufliche Beträge nicht hinaus. Das ist unschön, folgt aber aus Leistung und Verbleib, nicht aus einem eingebauten Umverteilungsmechanismus.
Was am TGI-System trotzdem kritikwürdig bleibt
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Prüfung endet nicht mit einem Freispruch für das Modell insgesamt. Vier Punkte, die ich weiterhin diskussionswürdig finde, bewusst kurz, weil sie ein eigenes Thema wären:
Abhängigkeit von der Struktur
Wer einsteigt, ist stark davon abhängig, wie gut die eigene Führungsebene arbeitet. Das ist eine reale Schieflage, auch wenn sie nichts mit einem Schneeballsystem zu tun hat.
Einkommenserwartungen
In der Außendarstellung von Strukturvertrieben wird oft mit Erfolgsgeschichten geworben, die für die Mehrheit nicht repräsentativ sind. Hier wünsche ich mir mehr Nüchternheit.
Verkaufsdruck im Umfeld
Der erste Kundenkreis ist häufig das private Umfeld. Das vermischt Beziehungen und Geschäft und kann persönlich teuer werden.
Qualifikation der Beratung
Bei erklärungsbedürftigen Finanzprodukten ist die Qualität der Ausbildung entscheidend. Darüber sollte offen gestritten werden, genau das ist etwas anderes als der Pyramidenvorwurf.
Mein Fazit
Die konstituierenden Merkmale eines Pyramidensystems finde ich bei TGI nicht: Die Vergütung hängt an Abschlüssen mit echten Kunden, es gibt kein Eintrittsgeld, das nach oben durchgereicht wird, keinen Warenabnahmezwang und keinen Mechanismus, der einen Zusammenbruch rechnerisch erzwingt. Was bleibt, ist eine mehrstufige Vertriebsstruktur mit ungleicher Einkommensverteilung, das ist ein Merkmal von Strukturvertrieb, nicht von einem Schneeballsystem.
Deshalb halte ich die Gleichsetzung für haltlos. Nicht, weil TGI über jede Kritik erhaben wäre, sondern weil der Vorwurf an den falschen Kriterien ansetzt. Wer das Modell kritisieren will, hat genug echte Ansatzpunkte. Der Pyramidenvorwurf gehört nicht dazu, er ersetzt Prüfung durch Etikett.